Leseprobe

Leseprobe

Kapitel 16 – Das Amphitheater

Das Amphitheater lag etwas am Rande der Stadt. Es bestand aus steinernen Sitzplätzen, die trichterförmig um einen großen, runden Platz in der Mitte angelegt waren. Diese Form hatte die besondere Eigenschaft, selbst leiseste Geräusche des unten Aufgeführten, noch in den obersten Reihen klar und deutlich von den Zuschauern wahrzunehmen. An der nordöstlichen Seite befand sich die Scena, eines mit beigefarbenen Säulen verschönertes, längliches Bühnenhaus, welches den Schauspielern und Chören nicht nur als Umkleide diente, sondern auch einen Kran, Säcke an Seilzügen und andere Mechaniken beherbergte, die für die Bühnenbilder der unterschiedlichsten Aufführungen benutzt werden konnten.

Myra und Xylon standen sich, mit etwas Abstand, auf der leicht mit Gras überzogenen Orchestra gegenüber. Es wurde zwar schon etwas heller, aber erneut stand undurchsichtiger wolkenartiger Nebel über dem morgendlichen Nereid. Er war sogar so dicht, dass Xylon das Bühnenhaus hinter Myra kaum erkennen konnte.

Sie starrte durch den Dunst zu Xylon und fing dann an, auf ihrer Seite langsam auf und ab zu gehen. Eine einsame Stille lag erdrückend über dem gesamten Theater, als ob es, außer ihnen beiden, drum herum nichts anderes geben würde.

Xylon hatte dieselbe Hose an, die er immer trug: Mit den Bändern um die Taille und den Schnallen an beiden Seiten. Er stand mit freiem Oberkörper und seiner Kette um den Hals vor ihr.

Doch Myra trug dieses Mal keines ihrer wohlhabenden Gewänder sondern ein langes, spärliches, aus Leinen bestehendes Kleid. Es hatte einen weit ausgearbeiteten Ausschnitt, in dem ihre Brüste mit zusätzlich eingenähtem, schwarzem Leder gehalten wurden. Darunter befand sich ein Loch und noch eines in der Höhe ihres Bauchnabels, dass aber auch mit einem eingearbeiteten schwarzen Lederstreifen zusammengehalten wurde. Der vordere Teil wurde hinten nur mit drei weiteren schmalen Streifen zusammengenäht und ließ ansonsten den gesamten Rücken offen. Das Kleid fiel vorne und hinten lose bis zu den Knien herunter und ließ die Beine an den Seiten frei. Am Ende ihrer scheinbar endlos langen Beine trug sie Sandalen, die hoch zu ihren Knien geschnallt waren. Sie nicht lüstern anzusehen fiel Xylon dieses Mal wirklich besonders schwer. Denn so ein enges Kleid, überließ nicht mehr viel seiner Fantasie.

Trotzdem hatte ihr Outfit durch die Leinen und das viele schwarze Leder auch etwas Kämpferisches, was durch ihren verzierten Bogen auf dem Rücken, ein einfaches, blaues Stirnband und gebundene Schnüre, die ihren linken Arm zierten, noch zusätzlich untermalt wurde. Die Schnüre, die den Bogen wahrscheinlich bei schwerer Belastung stützen sollten, gehörten offensichtlich zu ihrer Bogenschützenausrüstung, obwohl sie auch jetzt weder einen Köcher noch Pfeile bei sich hatte. Um ihre Schulter herum war zudem eine etwas größere Umhängetasche geschnallt.

Myra blieb plötzlich stehen und musterte Xylon dann ganz genau von oben bis unten. Er schaute nur verdutzt zu ihr zurück.

„Was weißt du alles über meine Fähigkeit?“, fragte sie ihn dann direkt mit einer beängstigenden Eindringlichkeit, die Xylon bei ihr nie erwartet hätte.

„Kei… keine Ahnung, ni… nicht viel“, stotterte Xylon hastig. Hatte sie ihm etwa etwas erzählt, oder hatte er versehentlich etwas gesehen, was er nicht wissen durfte? „Ich weiß, dass du Wasser überall aus der Luft herbeischaffen kannst und das, was du mir zur Mesembria bei dir Zuhause gezeigt hast. Das war’s eigentlich auch schon.“

Das bisschen, was er in den letzten Tagen in den Archiven über das Wasserelement gelesen hatte, brachte ihm auch nicht viel mehr Informationen, musste Xylon gestehen.

„Das dachte ich mir“, sagte sie daraufhin leicht bedrückt aber immer noch sehr entschlossen. „Du weißt es nicht, aber ich hatte gestern ein Gespräch mit Meister Terpsichore und es klang so, als ob uns beide eine ganz besondere Herausforderung bevorsteht.“

Das wusste Xylon tatsächlich nicht. Meister Terpsichore hatte sich damals dessen noch nicht so klar ausdrückt. Ein zufriedenes Lächeln ging über seine Lippen, verschwand aber auf der Stelle wieder, als Myra ihren stürmischen Dialog fortsetzte.

„Diese Aufgabe wird wesentlich härter werden als die Prüfung, so viel hatte er schon angedeutet. Ich bin der Meinung, dass wir vorher so viel voneinander wissen sollten, wie es nur geht, was unser Element angeht und vielleicht auch noch einige Angriffstechniken, die wir dann miteinander kombinieren können. Das hatte ja beim letzten Mal nicht so gut geklappt.“

Xylon überflog mit seinen Augen die vielen, menschenleeren Sitzreihen. Deshalb wollte sie auch sichergehen, dass niemand sie beide bis hierher verfolgte. Wenn nämlich jemand erst einmal alle Techniken und Schwachstellen von einem Elementar erfahren würde, könnte er dieses Wissen ganz leicht gegen diesen verwenden.

„Also bei meiner Fähigkeit gibt es eigentlich nicht viel zu wissen“, erklärte Xylon nervös und starrte zu Boden. Hätte er sie nämlich direkt angesehen, würde er wahrscheinlich, wegen ihrer hinreißenden Gestalt, kein einziges gescheites Wort mehr herausbringen. „Ich benutze Holz, entweder welches, dass ich selber erschaffen habe oder lebendes Holz von Bäumen. Ich benötige viel Wasser für meine Fähigkeit und für ein bisschen mehr Festigkeit im Idealfall auch noch nährstoffreiche Erde. Ach, ja … und bei Gefahr überzieht sich meine Haut automatisch mit einer dicken Borke, die mich vor Angriffen schützt. Das denke ich, war es eigentlich auch schon.“

Myra blickte intensiv in seine abgeneigten Augen.

„Lass gefälligst den Blödsinn!“, rief sie wütend, was Xylon leicht zusammenschrecken ließ. „Ich verlange ja nicht, dass du mir alle deine geheimsten Techniken verrätst, aber ein bisschen mehr wäre ja wohl nicht allzu viel verlangt, oder? Das, was du mir gerade erzählt hast, kann ich auch in jedem Almanach für Elementare nachlesen.“ Xylon sah sie schockiert an, doch bevor er etwas zu seiner Verteidigung sagen konnte, redete sie schon aufbrausend weiter. „Ich weiß, dass dein Element zum Typ Erde zählt. Die Erde, also damit auch nahe angelegt an deine Fähigkeiten, steht für Bodenständigkeit und das schwermütige Temperament des Melancholikers. Sie bezeichnet die Kräfte der Verwirklichung in Form, die Prozesse der Materialisierung und die Qualität der Erdung. Das Wasser, also mein Element, steht hingegen für den Phlegmatiker und die damit zusammenhängende Tiefgründigkeit. Es symbolisiert die gefühlsmäßigen Kräfte und die Qualität der Bewegung. Als Quelle allen Lebens ist Wasser zugleich aber auch das Element des Auflösens und des Ertrinkens.“

Das letzte Wort betonte Myra besonders stark, was ihn einen kalten Schauer über den Rücken fahren ließ. Überrumpelt von dem Schwall neuen Wissens, musste Xylon erst einmal alles verarbeiten, was sie ihm gerade gesagt hatte.

„Das wusste ich nicht, ehrlich“, beklagte sich Xylon darauf panisch.

„Genau deshalb sage ich es dir ja. Das ist nämlich nicht die Art von Lehre, die einem die neun Weisen beibringen. Was willst du noch von mir wissen? Los, frag mich über meine Fähigkeit aus!“

Xylon konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, abgelenkt durch ihre Erscheinung, verwirrt über ihre plötzliche Ernsthaftigkeit, froh über ihre Hilfsbereitschaft und gleichzeitig beschämt über sein ganzes Unwissen.

„Äh … na ja, was hast du heute früh mit meinem Wurzelnetz angestellt und der Bogen? Was hat es damit auf sich? Ach so und wie schaffst du es, dass -?“

„Ho, ho, immer eines nach dem anderen“, unterbrach sie ihn schnell. „Also, deinem Netz habe ich vorhin das ganze Wasser entzogen, sodass es zu Staub zerfiel. Das ist mein persönlicher Selbstschutz, es passiert ganz automatisch, wie deine Holzrüstung.“

Furchterregend!, dachte Xylon erschrocken. Gäbe es keine gesetzlichen Einschränkungen für Elementare, könnte sie mit dieser Technik ganze Armeen einfach so zu Staub zerfallen lassen.

„Und den Bogen bekam ich, als ich noch ganz klein war, von meinem Vater geschenkt.“ Sie überlegte zurück und wirkte fast wieder genauso bedrückt, wie vor einer Woche, als sie Xylon von ihrer tragischen Vergangenheit erzählt hatte. „Er hatte mich wirklich gerne. Ich war sein liebster Schatz -“, schloss sie kurz die Augen, kam in die Realität zurück und sah dann wieder zu Xylon, der vollkommen überrumpelt dastand. „Na ja, auf jeden Fall ist dieser Bogen schon seit Beginn der Geschichte unserer Hera in unserem Besitz. Er ist so gut wie unzerstörbar, federleicht und perfekt für eine Technik der Ydōrs geeignet, die schon seit mehreren Generationen immer weitergegeben wird.“

Myra hob ihren rechten Arm und nahm den mannshohen Bogen in einer schwungvollen Bewegung vom Rücken. In dem langen, verzierten Spannholz war oben und unten ein langer Knick. Sie überzog ihre Finger mit einer hauchdünnen Wasserschicht und griff dann, mit der Hand in der Luft schwingend, in den Nebel um sich herum. Überraschend wurde Xylon wieder Zeuge ihrer präzisen Formfähigkeit. Denn sie ließ aus dem Wasser des Nebels drei Pfeile entstehen, die sie in eine stabile klar strukturierte Gestalt brachte.

„Dass die Pfeile aus Wasser sind, hat den Vorteil, dass ich sie überall aus der Luft herbeiholen, die Spitzen je nach Bedarf verändern, ihre Fluggeschwindigkeit nach Belieben erhöhen oder verlangsamen und ihre Flugbahn selbst noch nach dem Abfeuern ablenken kann. Warte, ich zeig`s dir!“

Sie machte ihren Rücken gerade und spannte die drei Wasserpfeile mit aller Kraft in den Bogen. Dann schloss sie ihr linkes Auge, visierte mit dem anderen ihr Ziel an und feuerte sie alle gleichzeitig ab. Mit einer höheren Geschwindigkeit als normale Pfeile flogen die drei schnurstracks auf Xylon zu, der vor Schreck die Arme schützend hob. Doch bevor sie ihn erreichten, nahmen sie spontan eine andere Flugbahn ein. Einer schlug rechts oberhalb der Tribünen in einen Baum ein, ein anderer links in einen Pfeiler und der dritte weit hinter Xylon in eine Steinsäule. Sie trafen mit solch einer enormen Wucht ihre Ziele, dass diese mit einem lauten Krachen in sich zusammenstürzten.

„Stark!“, brachte Xylon lautstark an, total von ihrer Fähigkeit fasziniert. In der Schule sah man so gut wie nie etwas von den Fähigkeiten der anderen. Nur von Ammos kannte er einige Techniken, weil er oft mit ihm zusammen trainiert hatte. „Kannst du auch großflächige Angriffe abwehren?“

Ein Lächeln ging über ihre Lippen und ihre Augen formten sich zu kleinen Halbmonden, während Xylon wieder aufgeregt zu ihr schaute. Jetzt schien er es endlich verstanden zu haben.

„Na, das macht doch Spaß, oder? Nun bin ich aber an der Reihe, dir eine Frage zu stellen. Was machst du, wenn du mehrere Seiten gleichzeitig abwehren musst?“, erkundigte sie sich freudig und warf ihre langen blauen Haare mit einem eleganten Kopfschwung nach hinten.

„Pah, ganz lässig“, erwiderte Xylon und löste mit einer Hand die Schlaufen von seinem Wasserfass, sodass es hinter ihm auf den Boden knallte.

Aus seinem nun freien Oberkörper wuchsen sechs lange Wurzelarme, die sogar Hände und Finger besaßen. Um Aufgrund des hohen Gewichts nicht nach hinten überzufallen, stützte er sich mit zwei von den Armen vom Boden ab.

„Die Wurzelarme haben die Kraft, ganze Häuser aus dem Boden zu reißen und ich kann sie nach Belieben vermehren, verlängern und natürlich auch steuern. Dadurch, dass sie mit dem Boden verbunden sind, kann ich zudem auch Dinge hinter mir wahrnehmen, die ich selbst mit den Augen und Ohren noch nicht erfasst habe.“

Jetzt war es Myra, die von seinen ungeahnten Fähigkeiten fasziniert war.

„So!“, rief Xylon voller Vorfreude auf ihre nächste Technik und ließ die Arme wieder in seinem Körper verschwinden. „Jetzt der Großflächenangriff!“

„Mit Vergnügen!“

Myra blieb seelenruhig auf der Stelle stehen, tippte zweimal mit dem Fuß auf den Boden und überall im gesamten Amphitheater richteten sich Tausende lange Stacheln, aus Tauwasser bestehend, auf. Xylon blickte sich überrascht um.

„Bereit zum Abfeuern“, sagte sie gut gelaunt und ein bisschen von Xylons Euphorie angesteckt.

„Haha … Yeah! Okay, jetzt bist du wieder dran! Los komm, frag mich was!“, rief er so laut, dass es die ganze Stadt hätte hören können und klatschte dabei einmal kräftig in die Hände. Xylon war sich sicher, dass dies noch ein äußerst lustiger Morgen für sie beide werden würde.

Und das wurde es dann auch. Denn jeder versuchte die Technik des anderen mit einer noch eindrucksvolleren Vorführweise zu überbieten. Sie machten so lange weiter, bis sich der Nebel langsam verzog und sich in dem Theater die ersten Schaulustigen versammelt hatten, die von dem Krach, den die beiden machten, neugierig geworden waren.

„He, he, das ist echt gut“, sagte Myra über Xylons letzte Aktion. „Aber wir sollten jetzt wirklich Schluss machen. Ich denke, die Leute haben schon genug von uns beiden gesehen.“

„Ja, ist gut, aber eine Frage hätte ich zum Abschluss noch“, erwiderte Xylon und kam zu ihr herüber.

„Na.“

„Mit welcher Technik hattest du heute früh herausgefunden, wo ich wohne?“, fragte er und war schon ganz gespannt auf ihre Antwort.

Myra hob gemächlich ihren Bogen vom Boden auf und schnallte ihn sich wieder auf den Rücken. Dann schlenderte sie fröhlich über den aufgewühlten Platz und grinste Xylon über ihre Schulter hinweg an.

„Mit gar keiner. Dein Kumpel Ammos hat es mir einen Morgen zuvor verraten.“

Die Kommentare sind geschlossen.